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Hat der Wolf jetzt den Deich erreicht?

17. August 2017

Foto: Vienna Gerstenkorn

Cuxhaven Bei Kay Krogmann wurden mehrere Schafe gerissen und verletzt. Für den Schäfer ist das schon der neunte Übergriff dieser Art – neu und brisant ist, dass es der erste Wolfsübergriff an einem niedersächsischen Hauptdeich gewesen sein könnte.

Dass Schäfer Kay Krogmann sprachlos ist, kommt selten vor. In der Woche nach dem Riss in seiner Herde am Deich zwischen Otterndorf und Altenbruch (Landkreis Cuxhaven) war es mehrmals soweit. „Gestern Nacht ist auch noch das Bentheimer-Mutterschaf gestorben. Nicht an den körperlichen Verletzungen, sie war nervlich am Ende“, berichtet Krogmann am Dienstag der LAND & Forst. So ähnlich gehe es ihm gerade auch. Vor einer Woche wurden in seiner Herde vier Lämmer gerissen, zwei weitere Lämmer sowie zwei Muttertiere verletzt. DNA-Proben, die vom Wolfsbüro des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) genommen wurden, sollen zeigen, ob ein Wolf die Herde angegriffen hat. Eine Stellungnahme hat der NLWKN für diese Woche zugesagt. Wie es weiter gehe, könne man erst sagen, wenn die Ergebnisse der Proben vorliegen.

Sollte sich der Verdacht, den Trittsiegel und die zertrümmerten Schädel der Lämmer nahelegen, bestätigen, wäre für den Deichschutz in Niedersachsen eine ganz neue Problemdimension erreicht. Für Krogmann ist es vielmehr die Gesamtsituation, die an seinen Nerven zerrt. Seit 2012 wurde seine Herde acht Mal angegriffen, sechs Mal wurde ein Wolf bestätigt, zweimal gab es nur verletzte Tiere, so dass keine DNA-Proben genommen werden konnten. Bisher war immer die Winterweide betroffen. Krogmann war gezwungen einen Winterstall für seine insgesamt 2.000 Kopf starke Herde zu bauen, was mit immensen Investitionskosten verbunden war. Die Betriebskosten im Winter hätten sich durch das nötige Futter nahezu verdoppelt. „Nach dem aktuellen Angriff stehen jetzt die Lämmer im Stall, und ich füttere sie mit Maissilage aus Rundballen zu. Das entspricht überhaupt nicht meinem Verständnis von Schafhaltung.“ Krogmann weiß nicht, wie lange er die Situation finanziell noch überstehen kann. „Wenn ich nicht richtig wirtschaften könnte, dürfte ich niemandem einen Vorwurf machen. Aber das sind zusätzliche Kosten, gegen die ich nichts unternehmen kann“, sagte der Schäfer.

Den Bauplatz, auf dem er und seine Frau sich ein Zuhause schaffen wollten, haben sie verkauft, um den Betrieb weiterführen zu können. „Vor kurzem ist auch mein Hobby vom Hof gerollt.“ Ein Opel Manta, an dem Krogmann mehrere Winter geschraubt hatte. Das alles gehe nicht nur finanziell an die Substanz. „Am Abend vor dem Übergriff war ich zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder bei der Feuerwehr. Ein toller Abend. Und morgens dann das“, berichtet er.

Von öffentlicher Seite fühlt Krogmann sich völlig im Stich gelassen. Überwältigt war er dagegen von der Solidarität, die er am Freitagabend beim Mahnfeuer im Land Hadeln erlebt hat. „Ackerbauern und Schweinehalter, die gar nicht betroffen sind, waren gekommen, um ihre Unterstützung auszudrücken.“

Vor den rund 250 Teilnehmern habe Heino Klintworth, stellvertretender Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Land Hadeln, Krogmann sogar Unterstützung beim Winterfutter zugesagt. „Ich stand mit Gänsehaut da“, sagt Krogmann, der sich aber mit der Situation, unverschuldet auf Hilfe angewiesen zu sein, eigentlich extrem unwohl fühlt.
Vienna Gerstenkorn

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