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Stabwechsel an der Landvolkspitze

21. Dezember 2017

Nach dem überzeugenden Wahlergebnis gratulierte der schiedende Präsident, Werner Hilse (l.) seinem Nachfolger, Alber Schulte to Brinke Foto: Hildebrandt

Wahlen  Einstimmig wählten die Delegierten den Milchbauern Albert Schulte to Brinke zum neuen Präsidenten. Ministerpräsident Weil sagt sachliche Zusammenarbeit und Unterstützung beim strukturellen Wandel zu.   

Mit allen 174 Stimmen wählten die Delegierten des Landvolkes Niedersachsen am Montag auf der Mitgliederversammlung in Hannover den 61-jährigen Milchbauern Albert Schulte to Brinke aus Bad Iburg zum neuen Präsidenten. Er folgt im Januar auf Werner Hilse und ist der sechste Präsident in der 70-jährigen Geschichte des niedersächsischen Landesbauernverbandes.

Schulte to Brinke engagiert sich seit 2014 als Vorsitzender des Hauptverbandes Osnabrücker Landvolk und gehört seit 2013 als Vizepräsident auf Landesebene zur Führungsriege. Hocherfreut reagierte er, als das Ergebnis der Wahl bekanntgegeben wurde. Die Zustimmung von 100 % der Stimmberechtigten überraschte ihn sichtlich. Der eher ruhige, besonnene Landwirt hatte anlässlich seiner Kandidatur des öfteren betont, dass er das Amt nicht erstrebt habe, sondern „es zu ihm gekommen“ sei. Jene Berufskollegen, die ihn zu kandidieren ermuntert hatten, sprachen damit also offensichtlich sehr vielen aus dem Herzen.

„Ein ehrlicher Streiter“
Schulte to Brinke würdigte zunächst seinen Amtsvorgänger Werner Hilse als „ehrlichen, überzeugten Streiter, in dem noch ein echter Bauer steckt“. Dann richtete er den Blick nach vor. Mit seinen Vizepräsidenten habe er „ein tolles Team, das einiges reißen“ könne. Aufnehmen wolle er auf jeden Fall die vielen Ideen von Berufskollegen im ganzen Land. Der neugewählte Präsident bekräftigte, was er bereits in ersten Interviews als wichtigsten Arbeitsauftrag zum Ausdruck gebracht hatte: „Woran es vor allem krankt, ist die fehlende Wertschätzung der Arbeit unserer bäuerlichen Familien. Dass muss sich ändern.“ Dafür will Schulte to Brinke den Dialog mit allen gesellschaftlichen Gruppen führen, die an einem konstruktiven Austausch interessiert sind. „Wir reden mit allen, denen ehrlich daran gelegen ist, zu wirtschaftlich leistbaren Verbesserungen beim Tier-, Umwelt- und Artenschutz zu kommen.“ Vor Journalisten machte er gleich nach seiner Wahl deutlich: „Unsere Bäuerinnen und Bauern und ihre  Familien wollen vom Ertrag ihrer Arbeit leben und an der Wohlfahrtsentwicklung teilhaben.“ An die Mitglieder seines Verbandes richtet er die Erwartung, neuen Entwicklungen gegenüber aufgeschlossen zu bleiben und Innovationen umzusetzen. Schulte to Brinke selbst geht hier mit gutem Beispiel voran. Er ist Mitglied im Tierschutzbeirat des Landes Niedersachsen und wirkt über die Arbeitsgruppe Rinder am Tierschutzplan mit.

Verlässlichkeit ist A und O
„Wir haben viele Tierhalter, die gern experimentieren möchten mit neuen Haltungsformen und umgebauten Ställen“, sagte Schulte to Brinke. „Was sie für ihre Zukunftsentscheidungen und für ihre Investitionen unbedingt brauchen, ist politische Verlässlichkeit.“

In diesem Zusammenhang kam er auf die Situation in der Sauenhaltung zu sprechen. „Hier brennt die Hütte“, sagte er. Seit drei Jahren gebe es einen interministeriellen Arbeitskreis, der sich ressortübergreifend mit Haltungsfragen beschäftigt, aber immer noch keine Ergebnisse vorlegen könne. Ohne Folgenabschätzung seien größere Umstellungen nicht machbar. „Es ist keinem geholfen, wenn wir die Sau rauslassen und sie nach Dänemark abwandert“, sagte Schulte to Brinke.

In seiner Ansprache an die Mitgliederversammlung kam er auch auf die hohe Grundwasserqualität in Niedersachsen zu sprechen. Ungeachtet dessen gebe es Probleme in Vorfeldmessstellen. „Da gehen wir ran, das wollen wir verbessern“, sagte er zu. Zugleich machte er deutlich, dass die Einschränkungen aus der neuen Düngeverordnung nicht dazu führen dürften, dass Flächen nicht mehr bedarfsgerecht gedüngt werden können. „Gerade auf dem Grünland wäre das im Hinblick auf den Klimaschutz kontraproduktiv.“

Arbeit unter Partnern
Ministerpräsident Stephan Weil, der auf der Mitgliederversammlung ein Grußwort sprach, zeigte sich offen für Vorschläge, wie sich die Düngeverordnung vereinfachen lässt, ohne allerdings die beabsichtigte Wirkung in Frage zu stellen. Daran, dass größere Anstrengungen zum Wasserschutz nötig sind, ließ er aber keinen Zweifel.

Die Landesregierung werde, versprach Weil, die Landwirte überall dort unterstützen, wo sie mit dem strukturellen Wandel zu kämpfen hätten. Neben dem „Wandel zu besserer Tierhaltung“ gelte dies auch für die steigenden  Verbrauchererwartungen. Dies müsse aber auch mit einer wachsenden Bereitschaft einhergehen, für solche Lebensmittel mehr Geld auszugeben. „Wir unterstützen deshalb alle Anstrengungen, damit mehr Leistung auch besser bezahlt wird“, sagte Weil.

Der Ministerpräsident würdigte den scheidenden Landvolkpräsidenten Werner Hilse als „immer geradlinig, immer verlässlich, selten pflegeleicht“. Genauso habe er sich einen Bauernpräsidenten immer vorgestellt. Dem künftigen Präsidenten bot der SPD-Politiker  eine „gute partnerschaftliche, dabei möglichst harmonische, zumindest aber stets sachliche Zusammenarbeit“ an.

Aufgaben der Zukunft
Bevor Joachim Rukwied mit sehr persönlichen Worten die Leistungen seines Vizepräsidenten Werner Hilse würdigte (siehe auch Seite 11), ging er auf bevorstehende Herausforderungen auf europäischer Ebene ein. Angesichts des Ausscheidens Großbritanniens aus der Europischen Union mahnte der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, die Gemeinsame Agrarpolitik dürfe nicht zum finanziellen Steinbruch für den Brexit-Ausgleich werden. Aus seiner Sicht gibt es keinen anderen Weg, als die Deckelung des Mitgliedsbeitrages der verbleibenden Staaten aufzuheben. „Europa besteht zu 70 % aus ländlichem Raum, und das Rückgrat dieses ländlichen Raumes sind wir, die Bauern“, begründete Rukwied seine Forderung. Mit Blick auf die verstärkten Anforderungen an nachhaltige Produktion machte er deutlich, auch in Deutschland habe man das Potenzial, Dinge zu verbessern, noch nicht bis zum Letzten ausgereizt. Als Beispiele nannte er Emissionen beim Ausbringen von Düngern und Stallhaltungsformen.  „Da können wir noch Angebote machen, die zusätzliche Vergütung rechtfertigen würden.“

Neuer „Vize“ gewählt
Mit dem Präsidenten stand auf der Mitgliederversammlung des Landvolks das gesamte Präsidium zur Wahl. Als Vizepräsidenten wiedergewählt wurden Ulrich Löhr (Braunschweig) nach drei Jahren im Amt und der vor einem Jahr nachgerückte Jörn Ehlers (Rotenburg-Verden).

Neu im Gremium ist Dr. Holger Hennies. Der 48-jährige bewirtschaftet in Schwüblingsen in der Region Hannover einen Ackerbaubetrieb in einer Betriebsgemeinschaft sowie zwei Nebenbetriebe, einmal mit Schweinemast und einmal als Erlebnisbauernhof für schulische Bildung. Er ist Vorsitzender des Umweltausschusses im Landvolk. Umweltpolitisches Engagement bezeichnete er als seine größte Aufgabe.

Die Amtszeit des neuen Präsidiums beginnt am 1. Januar 2018 und dauert drei Jahre.
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