gemeinsam stark

Erfolgsmodell für Landwirte und Imker

31. Mai 2018

Foto: Rebecca Göllner

Verden Sie sind klein, doch ihre Leistung für die Landwirtschaft ist nahzu unersetzlich: die Bienen. Aber die Immen haben es nicht immer leicht. Wie es anders gehen kann, zeigen Landwirte und Imker im Landkreis Verden.

Eines mag Imker Heinrich Kersten aus Verden-Eissel nicht: wenn Berufskollegen mit den Fingern auf Landwirte zeigen und sie alle über einen Kamm scheren. „Es heißt dann immer, die Bauern sind schuld am Bienensterben“, sagt Kersten. Aus seiner Sicht müsse es vielmehr ein Miteinander, weniger ein Gegeneinander geben. Beide Seiten könnten davon profitieren, ist sich der Verdener sicher. „Wenn man vorankommen möchte, muss man im Dialog stehen“, meint er.

Erfolgsrezept: ein Anruf
Und weil das so ist, hat er gemeinsam mit den Landwirten im Ort diese Maxime umgesetzt und seitdem die Bienenverluste minimiert. Während andernorts Imker mit Winterverlusten von bis zu 40 Prozent rechnen müssen, liegen diese in Verden-Eissel bei gerade einmal 7,3 Prozent. Zum Vergleich: der Durchschnitt in Deutschland liegt bei etwa 18,2 Prozent. In Verden-Eissel sind für die geringeren Verluste unter anderem Sauberkeit und Hygiene, die Bienenvölkerführung mit Anlegerbildung sowie eine sorgfältige Varroa-Behandlung verantwortlich. Doch es gibt mit den Absprachen eben einen weiteren Hauptfaktor. Dessen Rezept: ein Telefonanruf.
Bevor die Landwirte mit der Spritze aufs Feld fahren, rufen diese bei Kersten und anderen Imkern in der Umgebung an und sagen Bescheid. Die Bienenvölker werden dann zurück zum Stock geholt, beziehungsweise ihre Flugaktivität durch einen Wasserschleier eingeschränkt. „Es ist eine Win-Win-Situation“, meinen Imker Kersten und Landwirt Heino Timm. Nicht nur die Tierverluste schrumpfen, sondern auch der Wirkstoffeintrag in das Bienenvolk fällt geringer aus. Dieser sinke um eine Zehnerpotenz, wenn einige Stunden zwischen Behandlung und Sammelaktivität liegen.

Für Landwirt Timm bedeutet die eingeschränkte Flugaktivität, dass er früher mit dem Spritzen am Abend beginnen kann und nicht das Ende des Bienenfluges abwarten muss. Für seine rund 25 Hektar Winterraps benötigt er in der Regel zwei Abende für die Behandlung. Außerdem positiv: Gibt es mehr Bienen, fällt die Bestäubung der Pflanzen natürlich auch erheblich besser aus und bringt Mehrerträge ohne einen zusätzlichen Aufwand.

„Diese Art der Kooperation bringt für uns Landwirte keinen Nachteil, es könnte eigentlich jeder machen“, sagt Heino Timm. Was sich der Verdener allerdings zusätzlich wünscht: mehr heimische Pflanzen in den Gärten der Nicht-Bauern. Viel zu oft würden dort nur noch Steingärten anzufinden sein.

Auch bezüglich der Pflanzenwahl gehen die Landwirte im Landkreis Verden und Heinrich Kersten seit einigen Jahren neue Wege. Gemeinsam mit der Landwirtschaftskammer Verden ist die sogenannte „Imkermischung Verden“ entwickelt worden. Die Idee dazu entstand 2015 im Zuge der neuen Agrar-Umwelt-Maßnahmen. Zwar würden Blühstreifen und Greening-Maßnahmen bereits gut sein, aber Kersten sah noch Verbesserungspotenzial. Die meisten dieser Maßnahmen würden zu kurz greifen. „Die Verdener Mischung blüht von Mai bis Herbst, im Juni sehr stark und dann immer schwächer werdend“, erklärt der Imker. So sei sichergestellt, dass die Bienen ausreichend Nektar und Pollen finden. „Was ausgesät wird, muss ein durchgängiges Trachtenfließband liefern“, schildert Kersten. In der einjährigen Mischung sind elf Saatanteile (unter anderem Alexandriner Klee, Ölrettich, Serradeella und Senf) enthalten, die sowohl den Greening-Kriterien entsprechen als auch den Anforderungen von Imkern und Landwirten gerecht werden.

Mittlerweile werden circa 260 Hektar im Landkreis Verden mit dieser Mischung bepflanzt, Tendenz steigend. 2016 waren es gerade mal 153 Hektar. Für die Imker bedeuten diese Blühstreifen Lebensraum für ihre Bienen, aber auch für Schmetterlinge und andere Insekten. Die Landwirte profitieren von der Einhaltung der Greening-Kriterien, tun etwas Gutes für das Verhältnis zwischen ihnen und den Bienenzüchtern sowie für die positive Außendarstellung der Landwirtschaft.

Erfolgreiche Mischung
„Die Saatmischung ist nicht teurer als andere Mischungen“, berichtet Heino Timm. Für ihn gäbe es also keinen Grund, nicht auf das Verdener Saatgut zurückzugreifen. In der Regel sind es laut Imker Heinrich Kersten zwei bis vier Hektar, auf denen die Saatmischung aufgebracht wird. 60 Euro pro Hektar kostet die Imkermischung. Mittlerweile wird die Verdener Imkermischung nicht nur im Landkreis ausgebracht, sondern auch auf dem BASF-Nachhaltigkeitsbetrieb Burg Warberg bei Helmstedt und von Brandburg bis Waiblingen, sogar in Madrid. Ein Erfolgsmodell, das in Zusammenarbeit von Landwirtschaft und Imkerei entstanden ist.

Die Erfahrungen, die Kersten in Zusammenarbeit mit der heimischen Landwirtschaft gemacht hat, gibt er auf dem Schulungsbienenstand in Verden-Eissel regelmäßig weiter. Die Teilnehmer erhalten dort praktische Unterweisungen in Ausführung und Handhabung sowie umfangreiche Hintergrundinformationen mit Varroamilben-Fallzahlen und dokumentierten Fakten. Auch 2018 soll ein Workshop angeboten werden, der Termin steht allerdings noch nicht fest. Weitere Informationen erhalten Interessierte bei Heinrich Kersten unter Telefon 04232-94224.
Rebecca Göllner

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