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Akrobatik mit Zahlen im Bundesamt

14. Juni 2018

Foto: Werkbild/Tukker

Pflanzenschutz  Landwirte setzen heute über ein Drittel mehr chemische Pflanzenschutzmittel ein als vor 20 Jahren, behauptet das Umweltbundesamt.
Wie das, wo doch alle anderen Zahlen einen gegenteiligen Trend aufzeigen?
Mit seinem jetzt vorgelegten Bericht „Daten zur Umwelt 2018. Umwelt und Landwirtschaft“ verbindet das Umweltbundesamt (UBA) heftige Kritik an der Landwirtschaft. Die Behörde weist eine erhebliche Steigerung des Absatzes von Pflanzenschutzmitteln aus und leitet daraus einen „intensiven Einsatz von Pestiziden auf Äckern und Feldern“ ab, der nicht folgenlos für die Umwelt bleibe. Das UBA plädiert dafür, insbesondere den Einsatz von Herbiziden deutlich zu reduzieren. Bei den vorgelegten Zahlen handelt es sich allerdings nicht um neues Material. Die aktuellsten Daten sind von 2015 und wurden lediglich neu aufgearbeitet.

Extremes Bezugsjahr
Als „Propaganda gegen die Landwirtschaft“ kritisiert Dr. Holger Hennies, Vorsitzender im Umweltausschuss des Landvolkes Niedersachsen, die Angaben der Bundesbehörde. Hennies weist darauf hin, dass sich das Bundesamt eines statistischen Kniffs bedient, um offenbar erwünschte Aussagen zu erzielen. Man beziehe sich auf die Jahre 1994 bis 2015 und verschweige, dass 1994 als „Ausreißer“ ein Jahr mit einem extrem niedrigem Verkauf von Pflanzenschutzmitteln war. Die Interessenvertetung agrochemischer Unternehmen, der Industrieverband Agrar (IVA), nennt dafür die umfangreichen Flächenstilllegungen sowie auslaufende Zulassungen für Produkte aus der DDR als Gründe. „Wären aktuelle Zahlen genutzt worden, hätte dem UBA ein rückläufiger Markt für Pflanzenschutzmittel von 2015 bis 2017 auffallen müssen“, stellt Dr. Hennies fest. Außerdem habe die Behörde den tatsächlich steigenden Absatz von Mitteln für den Vorratsschutz der Landwirtschaft zugerechnet. „Eine derart missbräuchliche Nutzung statistischer Daten muss als grob fahrlässig bezeichnet werden und ist als gezielte Desinformation zu bezeichnen“, sagt der Vorsitzende des Umweltausschusses. „Landwirte nehmen die Herausforderungen des Umwelt- und Naturschutzes an. Wir Bauern wollen uns aber nicht ständig pauschal als Umweltfrevler beschimpfen lassen“, stellt Hennies in einer Mitteilung des Landvolks klar.

Als sie den Bericht der Presse vorstellte, war UBA-Präsidentin Maria Krautzberger auch auf die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) eingegangen. „Die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik muss es endlich schaffen, dass nicht mehr die Betriebe das meiste Geld bekommen, die die meisten Flächen bewirtschaften, sondern diejenigen, die am meisten für die Umwelt tun“, erklärte die Behördenchefin. Das Landvolk geht deshalb davon aus, dass ihr eigentliches Ziel  darin besteht, Änderungen der EU-Direktzahlungen herbeizuführen. „Wenn Frau Krautzberger mit ihrer pauschalen Polemik die Bauern wegmobbt, fehlen ihr am Ende des Tages leider auch die Partner für einen erfolgreichen Vertragsnaturschutz“, gibt  Holger Hennies zu bedenken.

Knackpunkt inerte Gase
Bei den Mitteln für den Vorratsschutz, die das UBA dem Einsatz auf Landwirtschaftsflächen zurechnet, handelt es sich nach Angaben der IVA um sogenannte inerte Gase. Zwar müssen auch diese dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) gemeldet werden. In aller Regel handelt es sich aber um Kohlendioxid, mit dem Vorräte vor Schädlingen geschützt werden. Der Einsatz von Kohlendioxid steigt laut IVA seit Jahren deutlich an, da kaum noch andere Wirkstoffe zur Verfügung stünden. Der Industrieverband empfiehlt, für genaue Zahlen die Absatzstatistik für Pflanzenschutzmittel auf den Internetseiten des zuständigen BVL einzusehen.
red

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