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Es geht um das Vertrauen der Landwirte in die Politik

05. Oktober 2018


EIN KOMMENTAR VON ENNO GARBADE
Das ist schon verrückt! Da steht mit der Afrikanischen Schweinepest eine der größten Gefahren für unsere heimische Schweinehaltung vor der Tür, aber wir Landwirte müssen alle Kraft in das Politikversagen beim Thema betäubungslose Ferkelkastration investieren.

Mit Preisen und Marktverhalten haben wir Schweinehalter seit Generationen gelernt umzugehen. Aber wie zurzeit die politische Diskussion läuft, ist für alle landwirtschaftlichen Vertreter in dieser geballten Form neu. Die Agrarministerkonferenz in Bad Sassendorf setzte dem jetzt die Krone auf.
Die Situation ist eindeutig: Ab dem 1. 1. 2019 dürfen Ferkel nicht mehr ohne wirksame Schmerzausschaltung kastriert werden. Alle Alternativen sind jedoch mit Problemen behaftet. Die Isofluran-Betäubung ist bis jetzt nicht zugelassen und für den Anwender gesundheitsschädlich. Die Ebermast ist nur für einen begrenzten Teil der Schweine eine Lösung, da die Schlachthöfe nur eine überschaubare Zahl an Ebern vermarkten können. Die von Tierarztverbänden und Politik favorisierte Improvac-Impfung verursacht hohe Kosten. Am Ende ähnelt die Fleischqualität Eberfleisch und wird von den Abnehmern ebenfalls  abgelehnt.

Deshalb fordern wir den „Vierten Weg“, bei dem der Tierhalter eine lokale Betäubung setzen darf. Solche örtlichen Narkosen werden auch in der Humanmedizin in vielen Bereichen angewendet. Uns geht es um eine praxisgerechte Umsetzung! Wir brauchen den erneuten Aufschub lediglich, weil die Politik nicht in der Lage war, sich auf eine praktikable Lösung zu verständigen. Gibt es sie nicht, bleiben wir deutschen Ferkelerzeuger nicht konkurrenzfähig zu unseren dänischen und holländischen Kollegen.

Dann aber muss umgehend die Forderung des Veredlungsausschusses umgesetzt werden, im System Qualität und Sicherheit (QS) nur noch Ferkel zuzulassen, die nach deutschem Recht kastriert worden sind. Dies ist kein Protektionismus gegenüber ausländischen Anbietern, sondern konsequente Wettbewerbsgleichheit. Auch die Schlachthöfe und der Lebensmitteleinzelhandel müssen sich klar positionieren. Die Zusammenarbeit mit ihnen ist schon länger verbesserungsfähig. Absolut kontraproduktiv war die Äußerung von Clemens Tönnies, dass man bereit wäre, mehr Jungeber zu schlachten. Im Nebensatz hieß es dann, dass die Ebermaske nach unten angepasst wurde.

Nur, damit es klar rüberkommt: Wir Sauenhalter haben von der Kastration keinen Vorteil. Nicht kastrierte Tiere werden von Mästern, Schlachthöfen und Verarbeitern nicht oder zu schlechteren Preisen abgenommen.

Deshalb war die Initiative unserer Landesregierung im Bundesrat dankenswert und richtig. In Bad Sassendorf sollte der Bund an seine Verantwortung erinnert werden. Auch wenn Agrarministerin Julia Klöckner so tut, als habe sie mit den Entscheidungen nichts zu tun, ist es dringend notwendig, die im Bundeslandwirtschaftsministerium geschaffenen Probleme auch dort zu lösen. Dabei ist es mir wie meinen Berufskollegen egal, ob die neuen Gesetze dem Mainstream entsprechen. Es geht um viel mehr, nämlich um das Tierwohl, die deutsche Schweinehaltung insgesamt und das Vertrauen der Landwirte in die Politik. Es geht um die Frage, ob unsere Politikerinnen und Politiker in der Lage sind, notwendige Entscheidungen tatsächlich zu treffen. Die Ankündigung der Regierungsparteien vom Dienstag, zwei Jahre mehr für vernünftige Lösungen einzuräumen, ist endlich ein gutes Zeichen. Nun kommt es für alle Beteiligten darauf an, diese Zeit auch zu nutzen.
Enno Garbade, Vorsitzender Arbeitskreis Sauenhaltung im Landvolk Niedersachsen

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