Landvolk: Artikel 168 ist Irrweg und Unsinn

Dr. Holger Hennies : "Bund und Länder sind jetzt aufgefordert, unverzüglich gemeinsam mit der Landwirtschaft eine von der EU-Kommission akzeptierte Umsetzung der EG-Nitratrichtlinie zu erarbeiten. Foto: Landvolk

Landvolk kritisiert EU-Entscheidung und kündigt Widerstand gegen GMO-Plan an

L P D – Mit deutlichen Worten reagiert das Landvolk Niedersachsen auf die Entscheidung des Europäischen Parlaments zur Reform der Gemeinsamen Marktordnung (GMO). Trotz massiver Bedenken aus der landwirtschaftlichen Praxis hat das Parlament mit großer Mehrheit für eine Verhandlungsposition gestimmt, die die umstrittenen Artikel 148 und 168 weitgehend im Sinne der EU-Kommission übernimmt. Nach Einschätzung des Landvolks drohen dadurch erhebliche Eingriffe in funktionierende Agrarmärkte – mit gravierenden wirtschaftlichen Folgen für die landwirtschaftlichen Betriebe.

„Ich bin sehr enttäuscht“, sagt Landvolk-Vizepräsident Frank Kohlenberg. „Wir haben alles versucht, aber zum Glück ist es noch nicht final. Wir werden den Trilog hierzu begleiten und uns weiter einbringen“, berichtet er gegenüber dem Landvolk-Pressedienst. Unverständlich sei, dass ein derart tiefer Eingriff in marktwirtschaftliche Strukturen ohne jede fachliche Grundlage erfolge. „Hätten wir im Kalenderjahr 2024 in Niedersachsen und Deutschland schon eine vertragliche Bindung gehabt, dann hätten die Landwirte in Niedersachsen dadurch circa 190 Millionen Euro an Milchgeld verloren und in der Bundesrepublik Deutschland circa eine Milliarde Euro. Diese Zahlen sind eindeutig belegt. Wer angesichts solcher Entwicklungen noch zusätzliche Bürokratie und Preisregulierungen schaffen will, verkennt die Realität auf unseren Höfen“, betont Kohlenberg.

Auch Landvolkpräsident Holger Hennies warnt vor den Folgen: „Die Änderung des Artikel 168 der GMO führt dazu, dass unsere Abnehmer künftig verpflichtend Verträge mit Mengen- und Preisvorgaben abschließen müssen. Das bedeutet mehr Bürokratie, mehr staatliche Kontrolle und vor allem: das gesamte Produktionsrisiko wird auf uns Landwirte verlagert.“ Schon kleine Ernteausfälle könnten dann zu Schadenersatzforderungen führen. „Das Hauptproblem aber ist, dass die Preise insgesamt sinken werden. Unsere Absatzgenossenschaften müssten aus kaufmännischer Sicht vorsichtig agieren und deshalb der Landwirtschaft im Durchschnitt niedrigere Preise anbieten, anstatt auf höherer Preise im Saisonverlauf oder bei schlechten Ernten setzen zu können. Für mich bedeutet das etwa fünf Cent weniger pro Kilogramm Zwiebeln – rund 2.500 Euro Verlust pro Hektar. In Summe verlieren die deutschen Zwiebelanbauer etwa 40 Millionen Euro pro Jahr. Aus einer gut gemeinten Idee wird ein wirtschaftlicher Schaden – das muss verhindert werden“, sagt Hennies.

Der Landesbauernverband sieht in der Entscheidung einen massiven Fehler: Die Preis- und Mengenregulierung nach Artikel 168 habe im landwirtschaftlichen Bereich nichts verloren. „Wir brauchen freie Märkte, keine Planwirtschaft“, betont Hennies. Gerade Produkte wie Getreide oder Schweinefleisch seien weltmarktabhängig und funktionieren seit Jahrzehnten ohne staatliche Eingriffe. „Zusätzliche Verträge und Kontrollen bringen nur Bürokratie – keine Sicherheit. Die EU muss sich stattdessen darauf konzentrieren, faire Wettbewerbsbedingungen z.B. im Rahmen von Handelsabkommen zu schaffen. Dazu gehört der Abbau der ausufernden Regulatorik und nicht die Schaffung neuer Bürokratiemonster.“

„Unsere landwirtschaftlichen Märkte sind vielfältig und sensibel“, fasst Hennies zusammen. „Was z.B. für Geflügel in Einzelfällen funktionieren mag, darf nicht zum Zwang für Gemüse, Getreide oder Schweinehaltung werden. Der Artikel 168 ist ein massiver Eingriff in funktionierende Marktmechanismen – ohne Not, ohne fachliche Begründung und mit hohem Risiko für unsere Betriebe.“

Das Landvolk Niedersachsen kündigt an, den anstehenden Trilog zwischen EU-Kommission, Rat und Parlament aufmerksam zu begleiten. Ziel sei es, die aus Sicht der Landwirte kontraproduktiven Regelungen zu verhindern. „Wir werden weiter alles daransetzen, diesen Unsinn zu stoppen“, sagt Kohlenberg abschließend. (LPD 78/2025)

Weitere Beiträge

Landwirt mit Handy

Landvolk: Weg vom Denken „Kontrolle – Sanktion – Widerspruch“

L P D – Seit der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) 2023 gehört die FANi-App (Fotos Agrarförderung Niedersachsen) für viele Betriebe zum Förderalltag. „Niedersachsens Landwirte sind als Antragsteller inzwischen aktiv…

Erste-Hilfe-Training Foto: Pixabay

Erste Hilfe auf dem Hof: Bauern trainieren den Ernstfall

L P D – „Stell Dir vor, Du hast einen Herzinfarkt und bist mit deinem Trecker ganz allein auf dem Feld.“ Diese und viele weitere Szenarien beleuchtet Kursleiter Peter Stors…

Schafe auf der Weide

Herdenschutz, Weidezaunbau und Wolfsmanagement

L P D – Welche Möglichkeiten haben Weidetierhalter, ihre Schafe, Rinder und Pferde vor Angriffen von Wölfen zu bewahren? Diese Frage steht ihm Mittelpunkt des 2. Echemer Zauntags, der am…

Milchkühe

Gute Futterqualität ist Grundlage für gesunde Kühe

L P D – Der erste und für die Milchviehbetriebe wichtige Grassilageschnitt in Niedersachsen ist vielerorts abgeschlossen – mit überwiegend sehr guten Qualitäten, aber regional teils enttäuschenden Erträgen. Besonders im…

GAP-Reform: Landvolk bewertet EU-Vorschläge kritisch

L P D – Wie geht es mit der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) ab 2028 weiter, und welche Folgen hätten die Reformvorschläge der EU-Kommission für Landwirtschaft und ländliche Räume? Mit diesen…

Tag des offenen Hofes

Tag des offenen Hofes lockt Familien ins Grüne

L P D – Am 7. Juni bieten fast 50 Landwirtinnen und Landwirte beim niedersachsenweiten Tag des offenen Hofes von 10 bis 18 Uhr ein attraktives Rahmenprogramm aus Landwirtschaft, Genuss…