„Wer, wenn nicht wir – wann, wenn nicht jetzt?“

"Dass die Politik das Landvolk inzwischen als Lösungsanbieter Nummer eins wahrnimmt, werte ich als Fortschritt. Genau darin liegt die Stärke des Berufsstands: Probleme nicht nur benennen, sondern belastbare Konzepte auf den Tisch legen und gesellschaftlichen Zündstoff abräumen", so Dr. Holger Hennies Foto: Landvolk

Landvolk-Präsident Dr. Holger Hennies zieht auf der Mitgliederversammlung 2025 Bilanz – mit klarem Appell an Politik und Verwaltung

L P D – Das Landvolk Niedersachsen blickt auf ein Jahr zurück, das vielen Betrieben erneut alles abverlangt hat. In seiner Rede vor den fast 300 Delegierten und Gästen machte Präsident Dr. Holger Hennies schnell klar: Die Mischung aus multiplen Krisen, politischem Umbruch und historisch niedriger Investitionsbereitschaft drückt die Stimmung im Berufsstand stärker denn je. Das aktuelle Stimmungsbarometer der Rentenbank zeigt es ungeschönt – die Zukunftserwartungen vieler landwirtschaftlicher Betriebe sind miserabel. Aber: Dass die Politik das Landvolk inzwischen als Lösungsanbieter Nummer eins wahrnimmt, wertete Hennies ausdrücklich als Fortschritt. Genau darin liege die Stärke des Berufsstands: Probleme nicht nur zu benennen, sondern belastbare Konzepte auf den Tisch zu legen und gesellschaftlichen Zündstoff abzuräumen.

Hennies erinnerte an die Proteste vor zwei Jahren, die den politischen Druck sichtbar erhöht hatten. Damals legte das Landvolk einen umfangreichen Forderungskatalog an Bund und Land vor – und manches davon – wie das Auflagenmoratorium, erste Schritte beim Bürokratieabbau sowie Änderungen beim Agrardiesel und im Steuerrecht – sind inzwischen umgesetzt. „Ein großer Wurf ist das alles noch nicht“, stellt Hennies trocken fest.

Auch Brüssel bewege sich zu langsam. Die Omnibus-Verfahren zur GAP seien lediglich ein Anfang. Dass der Landwirtschaftsanteil am EU-Haushalt weiter auf nur noch 15 Prozent schrumpft, mache deutlich, wohin die Reise gehe. Für ihn ist klar: „Das parallel wirkende Förderordnungsrecht gehört gestrichen, das heißt: GLÖZ muss weg.“ Auch neue EU-Richtlinien wie Artikel 148/168 kritisierte er scharf – zu bürokratisch, zu marktverzerrend, mit milliardenschweren Folgen besonders für die Milchviehhalter.

Und dennoch: In der europäischen Zusammenarbeit sieht Hennies weiterhin einen unverzichtbaren Kern. Der gemeinsame Markt, die gemeinsame Währung – all das müsse wertgeschätzt werden. „Wir brauchen mehr Europa – nicht weniger“, sagte er, verbunden mit der Forderung, den Bürokratieballast endlich abzuwerfen. Trotz aller Kritik betonte Hennies die Bedeutung des politischen Dialogs in Brüssel. Ob parlamentarischer Abend oder das Gespräch mit EU-Kommissarin Roswall: „Das alles sind Signale, dass man die niedersächsische Landwirtschaft wahrnimmt. Nicht nur wir fahren nach Brüssel, inzwischen kommen sie auch mal zu uns“, ordnet Hennies ein.

In Richtung Hauptstadt zeigte sich Hennies gleichermaßen ungeduldig. Beim Agrardiesel und der Stoffstrombilanz gab es Bewegung, aber das Auslaufen des Bundesprogramms Umbau Tierhaltung bezeichnete er offen als fatal. „Die Zeit läuft unseren Betrieben davon“, warnte er – und stellte die Frage, wann endlich ein verlässliches Programm komme, das die Tierhaltung in Deutschland absichert.

Im Baurecht und Immissionsschutz sieht er ebenfalls massiven Reformbedarf: fünf Jahre für eine Genehmigung – „absurd“. Die Verbandsklagen müssen begrenzt werden, weil sie aus seiner Sicht zunehmend missbraucht werden, um Betriebe zu zermürben.

Beim Düngerecht fand Hennies besonders deutliche Worte: Urteile müssten umgesetzt, unsinnige Regeln gestrichen werden. Die staatlich verordnete Unterdüngung schade nicht nur den Erträgen, sondern untergrabe das Vertrauen in Politik. Bayern und Rheinland-Pfalz seien längst weiter als Niedersachsen.

Für den Niedersächsischen Weg fordert er ein „Reloaded“ – schlanker, wirksamer, praxistauglicher. Das NASVG dagegen sorge eher für neue Gräben. Gleichzeitig verwies Hennies auf die starke Klimabilanz der Landwirtschaft: 60 Millionen Tonnen Emissionen stünden 76 Millionen Tonnen Einsparung durch erneuerbare Energien gegenüber; die deutsche Milchproduktion sei weltweit führend in Effizienz.

In ihrem Grußwort betonte die parlamentarische Staatssekretärin Frauke Patzke die tiefgreifenden Veränderungen, denen Landwirtschaft und ländliche Räume ausgesetzt sind – vom Klimawandel bis zu globalen Marktverschiebungen. Sie unterstrich die Bedeutung eines verlässlichen, faktenbasierten europäischen Rahmens – und die Rolle der Landwirtschaft als Stabilitätsfaktor im ländlichen Raum – jede agrarpolitische Entscheidung berühre den ländlichen Raum direkt. Besonders wichtig: Die Wettbewerbsfähigkeit und Exportorientierung der niedersächsischen Agrarwirtschaft müssen unbedingt erhalten bleiben.

Im neuen Fishbowl-Format diskutierten die niedersächsischen agrarpolitischen Sprecher der Landtagsfraktionen mit dem Publikum über Tierhaltung, Bodenpreise, Märkte, Wolf oder Vogelgrippe. Hennies‘ Fazit nach dem Politi-Talk: „Extreme Positionen finden wenig Zustimmung, sie helfen uns nicht weiter. Was wir brauchen, ist fairer Wettbewerb, deutlich weniger Regulierungen.“ Positiv sei, dass die Politik die Landwirtschaft inzwischen als Lösungsanbieter Nummer eins wahrnehme. Dass die Investitionsbereitschaft am Boden liege, sei eines der größten Probleme. „Mit etwas Kosmetik ist das nicht zu lösen – dafür müssen wir die Wettbewerbsfähigkeit der Höfe spürbar stärken.“

Am Ende stand Hennies’ Appell: Das Landvolk wird weiter Lösungen liefern, nicht nur Kritik. Ehrenamt und Hauptamt arbeiteten gemeinsam „für die Zukunft der Landwirtschaft“. Erfolg sei harte Arbeit – und jetzt sei der Zeitpunkt, die Weichen neu zu stellen.

Für ihr besonderes Engagement erhielten Jochen Oestmann sowie der scheidende Geschäftsführer Helmut Brachtendorf jeweils die goldene Ehrennadel des Landvolks.

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