Fracking auch unter meinem Feld?

Fracking auch unter meinem Feld? - Bohrstation in Deblinghausen
Bohrstation in Deblinghausen

Erdgas Es scheint fast so, als säßen Landwirtschaft und
Gas-Industrie derzeit im selben Boot. Beide Branchen stehen zunehmender
Kritik einer digital vernetzten Gesellschaft gegenüber. Noch vor einigen
Jahren wurden Stallbauten im Dorf gefeiert und Gasfunde in der Region
bejubelt. Heute ist das anders. Beim Thema Fracking gehen nicht nur
Umweltschützer auf die Barrikaden, auch Landwirte sind in Sorge um das
Trinkwasser und ihre Flächen.

Die USA entwickeln sich aktuell zum
Gasexporteur, es herrscht dort ein regelrechter Erdgas-Boom, die Preise
für Energie sind deutlich gesunken. Der Grund dafür ist eine
Technologie, durch die bisher nicht verfügbares Erdgas, das in winzigen
Gesteinsporen gespeichert ist, förderfähig wird. Darunter ist das
sogenannte „Fracking“ zu verstehen. Während das Verfahren in Deutschland
bisher nur in tiefen und dicht gelagerten Sandstein-Schichten
angewendet wurde, sollen nun auch höher gelegene Schiefer- und
Kohleflözgas-Schichten auf diese Weise erschlossen werden. Kritiker
sehen eine enorme Bedrohung für Natur und Grundwasser. Landwirte müssten
ohnehin schon mehr als knappes Acker- und Grünland abgeben.

Deutschland wartet ab

Aktuell
sind die politischen Rahmenbedingungen in Deutschland so ungewiss, dass
die Erdgasunternehmen abwarten und keine Bohrungen in potenziellen
Schiefergas-Lagerstätten durchführen. Eine Neuregelung der Vorgaben für
das Erschließen dieser „unkonventionellen Lagerstätten“ hat die
Regierung auf die Zeit nach der Bundestagswahl verschoben. Bereits in
den Verhandlungen deutete sich an, dass die Energiekonzerne mit scharfen
Auflagen rechnen müssen. Sensible Bereiche wie Wasserschutzgebiete,
Trinkwassereinzugsgebiete, Heilquellen und Naturschutzgebiete sollen für
Frac-Maßnahmen ausgeschlossen werden. Umweltverträglichkeitsprüfungen
und die Beteiligung der Öffentlichkeit, die schon jetzt vom Bergbauamt
gefordert werden können, sollen Pflicht werden.

Für den
texanischen Energiekonzern Exxon Mobil beispielsweise wären die Vorgaben
im dicht besiedelten Deutschland damit deutlich schärfer, als im
großflächigen Heimatland. Befürworter, wie die Industriegewerkschaft
Bergbau, Chemie und Energie, sehen in dem Erdgas, dass durch Fracking
zusätzlich gewonnen werden könnte, einen wichtigen Baustein der
Energiewende. Sie warnen davor, die Technologie in Deutschland pauschal
abzulehnen. Exxon Mobil hat Deutschland, insbesondere Niedersachsen, als
Standort für Frac-Maßnahmen trotz der Hürden noch fest im Blick.
Kürzlich hat das Unternehmen Vertreter der niedersächsischen
Kreislandvolkverbände über die Technologie, die damit verbundenen
Chancen und Risiken und Möglichkeiten der Flächenentschädigungen
informiert.

Was passiert beim Fracking?

Aufbrechen
 Fracking steht als Kurzform für Hydraulic Fracturing – zu Deutsch
„hydraulisches Aufbrechen“. Auch in Deutschland wird schon lange
gefrackt, vor allem im Raum Söhlingen und Südoldenburg. Erstmals 1961 in
Niedersachsen angewendet, wurden nach Schätzungen von Exxon Mobil
bislang rund 300 Frack-Maßnahmen in Deutschland durchgeführt. Bisher
wurde das sogenannten „Thight Gas“ aus dicht gelagertem Sandgestein in
Tiefen von 3.500 bis 5.000 Meter gefrackt. Jetzt wird das Fracking von
Schiefergas- und Kohleflözgasvorkommen geprüft. Die liegen mit 1.000 bis
1.300 Metern weit weniger tief unter der Erde. Um das Gas aus den
winzigen Gesteinsporen zu bekommen, wird einen bis sieben Kilometer tief
in die Erde gebohrt. Ist die zu erschließende Gesteinsschicht erreicht,
wird die Bohrung horizontal abgelenkt. Eine Perforationskanone sprengt
Löcher in den horizontalen Abschnitt. Durch die wird mit hohem Druck ein
Gemisch aus Wasser und Stützmittel gepresst, das Risse im umliegenden
Gestein erzeut. Das Stützmittel, meist Sand, setzt sich in die Risse, so
dass das in den Poren gespeicherte Gas zur Bohrung fließt. Um den Sand
fließfähig zu machen und den Abbau von Gas durch Bakterien zu
verhindern, werden dem Gemisch verschiedene Chemikalien zugesetzt. Dazu
zählen zum Beispiel Gelbildner, Schaumhemmer und Biozide. Einige der
Stoffe gelten als trinkwassergefährdend. Auch die aus den Tiefen
mitgeförderte, salzhaltige Flüssigkeit im Gas enthält zum Beispiel oft
Quecksilber und radioaktive Stoffe. Dieses sogenannte Lagerstättenwasser
fällt auch bei konventionellen Bohrungen an. Es wird transportiert,
aufbereitet und meist an anderer Stelle in Lagerstätten verpresst.

Eine Karte unter www.landundforst.de zeigt, wo in Niedersachsen Schiefergas Lagerstätten vermutet werden.

Risiko für Wasser und Boden

Eine
enorme Gefahr, besonders für die Landwirtschaft, wäre eine
Kontamination von Boden oder Wasser mit Chemikalien. Selbst wenn dieser
Fall nicht eintritt, könnte das Image betroffener Regionen als Standort
für die Nahrungsmittelproduktion in Mitleidenschaft gezogen werden. Um
das Grundwasser zu schützen, bestehe die Bohrung in den oberen
Bodenschichten aus mehreren einzementierten Rohren, die den Bohrstrang
vom Grundwasser abschirmen, erklärt Exxon Mobil. Die eigentliche
Frac-Maßnahme werde in mindestens 1.000 Meter Tiefe durchgeführt. Diese
Schicht sei durch eine Deckschicht vom Grundwasser agetrennt. In
Gebieten, in denen tektonische Unregelmäßigkeiten, zum Beispiel
verschobenen Erdplatten, auftreten, werde auch nicht gefrackt, so das
Unternehmen. Im „normalen Betriebsumfang“ könne weder die mit
Chemikalien versehene Frac-Flüssigkeit, noch das mitgeförderte und mit
verschiedenen Giftstoffen belastete Lagerstättenwasser in die Umwelt
gelangen.

Um die Risiken so weit wie möglich zu minimieren, wurde
ein „Neutraler Expertenkreis“ unter der Leitung von Professor Dietrich
Borchardt, Leiter des Departments Aquatische Ökosystemanalyse und
Management am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, ins Leben gerufen.
Finanziert von Exxon könne der von Borchardt aus verschiedenen
Disziplinen zusammengestellte Expertenkreis selbst gewählte Themen
bearbeiten und auf Bürgerfragen eingehen. So wären zum Beispiel die
chemischen Zusatzstoffe bereits auf ein Minimum reduziert worden.
Bohrungen in Trinkwasserschutzgebieten schließe das Unternehmen
freiwillig aus, das Grundwasser soll im Rahmen eines Monitorings
überwacht werden.

Wieviel Fläche wird gebraucht?

Für
einen Bohrplatz benötigt Exxon Mobil etwa einen Hektar Land, plus
Ausgleichsfläche. Falls das Verfahren in Deutschland zur Anwendung
kommt, müsste mit einem Bohrplatz pro 4 qkm in zwei bis vier Jahren
gerechnet werden, dieses Maß könne sich nach drei bis acht Jahren auf
einen Bohrplatz pro 2 qkm verdichten. Das würde bedeuten, dass sich auf
100 qkm bis zu 50 Bohrplätze befinden. Da aber viele Regionen, neben
Natur- und Wasserschutzgebieten auch das Umfeld von Siedlungen,
ausgenommen wären, hält das Unternehmen diese Dichte in Deutschland für
unwahrscheinlich. Außerdem würden die Maßnahmen zeitversetzt stattfinden
und soweit möglich mehrere Bohrungen auf einem Platz konzentriert und
in verschiedene Richtungen geführt. Gegenüber der jetzigen
Erdgasgewinnung ginge das Verfahren aber deutlich mehr in die Fläche. Im
Vergleich zu Biogas mit einem Flächenbedarf von 408 qkm, Wind- und
Solarenergie mit je rund 20 qkm für die gleiche Energiemenge sei Erdgas
mit einem Hektar flächenschonender. Nach einer Erkundungsbohrung, die
zwei bis drei Monate dauert, schließe sich eine deutlich über ein Jahr
dauernde Feldentwicklung an, gefödert werde je nach Gasvorkommen rund 15
bis 30 Jahre auf einem Platz. Danach werde der Platz rekultiviert, der
Boden untersucht und eventuell kontaminiertes Material ausgetauscht.

Weg ist weg!?

Während
die Bohrplätze zurückgebaut werden, sehen die Landvolkvertreter
schlechte Chancen für eine spätere Rücknahme der Ausgleichsflächen in
die Landwirtschaft. Das Unternehmen bestätigt dies für einen Teil der
Flächen. Für die Anpachtungen der jetzigen Bohrplätze seien im
Unternehmen acht regional verantwortliche Mitarbeiter zuständig, die
derzeit etwa 40.000 Pachtverträge verwalten. Obwohl theoretisch auch
eine zwangsweise Grundübernahme infrage käme, sei es zu diesem Fall in
der Vergangenheit nie gekommen, berichtet das Unternehmen. Die Flächen
würden mit  20 Prozent des Grundstücksverkehrswertes entschädigt, obwohl
nur zehn Prozent vorgeschrieben seien. Nicht mehr nutzbare Restflächen
würden mit angepachtet. Zudem zahlt das Unternehmen
Aufwandsentschädigungen für die aufgebrachte Zeit, für einen Notartermin
zum Beispiel 80 Euro. Laut Landvolk könne dafür aber heute kein
Landwirt mehr den Betrieb verlassen. Auch die Orientierung am
Grundstücksverkehrswert sei veraltet, regelmäßige Zahlungen daher einer
Einmalzahlung deutlich vorzuziehen. Exxon Mobil sieht darin einen zu
großen administrativen Aufwand, will aber mit dem Landvolk im Gespräch
bleiben.

Fazit

So überzeugend die Argumente des
Unternehmens, die auch unter www.erdgassuche-in-deutschland.de
nachzulesen sind, klingen, bei einem solch weitreichenden Eingriff im
Unsichtbaren, ist eine genaue Abwägung der Risiken und des Nutzens
sicher angebracht. Die Bürgerinnen und Bürger sind für das Thema
sensibilisiert. Den Erdgasunternehmen, in diesem Fall Exxon Mobil ist
das sehr wohl bewusst. Ihnen bleibt für die wirkliche Überzeugungsarbeit
nur der offensive Weg im Dialog mit allen Interessengruppen. vgk