Landwirte wieder mehr mit einbinden

Landwirte wieder mehr mit einbinden - Foto: Kahnt-RAlle
Foto: Kahnt-RAlle

Nordische Gastvögel Die Landwirte des ostfriesischen Vereins Gänsemarsch e.V. in Norden/Rheiderland  zeigen sich weiterhin unzufrieden. Der Grund: Die Landesregierung hat rund 800 Vertragsnaturschutzverträge mit Blick auf die neue EU-Förderperiode gekündigt. Was die Betroffenen an den neuen Förderbedingungen kritisieren, erläuterten sie jetzt vor der Presse.
Ganz abgesehen davon, dass die Landwirte die einseitige Kündigung der Verträge an sich kritisieren, sind sie mit den neuen Vertragsnaturschutzvarianten teilweise inhaltlich überhaupt noch nicht einverstanden. „Bis zum 15. Mai müssen wir Landwirte uns aber im Rahmen der GAP-Verträge auch für den Vertragsnaturschutz entscheiden“, erklärte Arno Freesemann  aus Heinitzpolder. Die Zeit für Nachbesserungen seitens der Landesregierung würde also knapp.

Teils starke Schäden
Warum den Acker- und Grünlandbauern der Vertragsnaturschutz so wichtig ist, wird schnell deutlich: Seit Jahrzehnten sind die Landwirte im Rheiderland und in der ostfriesischen Ackermarsch durch eine zunehmende Anzahl an Wildgänsen, die auf ihren Flächen den Winter über Rast machen, in ihrer Flächenbewirtschaftung  mehr oder weniger deutlich beeinträchtigt. Albert Martens, erster Vorsitzender des Gänsemarsch e.V. aus der Westermarsch, lädt die Presse zu einer Flächenbesichtigung ein: „Dann wird schnell klar, wovon wir reden“. Auf der Winterweizen- und Grünlandfläche von Hans-Jürgen Oldewurtel (ebenfalls Westermarsch) haben die Gänse in diesem Winter nicht mehr viel Grün übergelassen. Oldewurtel: „Das bedeutet für uns mehr Mehraufwand, ganz zu schweigen davon, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht wissen, ob die Fläche überhaupt durchkommt oder ob sie nicht mit z.B. Mais neu angesät werden muss“. Auf der Grünlandfläche wird schnell klar, dass dort bis zum ersten Silageschnitt nicht mehr viel Masse aufwachsen wird. Oldewurtel: „Auf den Gänseflächen müssen wir eher auf die Qualität des zweiten Schnittes hoffen. Der erste Schnitt ist nicht selten eine Art Reinigungsschnitt.“  Und das Problem wird aus Sicht der Betroffenen nicht kleiner, sondern größer: die Gänse sind mehr geworden (1996/97 waren es 70.000, heute sind es 170.000), sie bleiben länger (früher bis Ende Februar, heute bis Mai) und die Flächenknappheit führt auch in Ostfriesland zu höheren Flächenkosten.    

Ohne Ausgleichszahlungen sind diese wirtschaftlichen Schäden durch Gänserast für die Betriebe nicht hinnehmbar. Freesemann: „Wenn wir den Gänsen Rastflächen bieten, dann erfüllen wir auch einen gesellschaftlichen Auftrag, der entsprechend ausgeglichen werden muss“. Und so sind die betroffenen Landwirte seit Jahrzehnten an einem überwiegend konstruktiven Dialog beteiligt. „Wir bringen uns in die Ausgestaltung der Vertragsinhalte mit ein, stehen seit Jahren in einem guten Miteinander mit Behörden und Akteuren vor Ort“, so Freesemann. 

Gemeinsames Bemühen
Ergebnis dieser Bemühungen ist ein einheitlicher Ausgleich für Grünlandflächen, eine Grundvergütung für geschädigte Ackerflächen plus einem Zusatzausgleich für Ackerschläge für Schäden aus Rastspitzen (Rastspitzenmodell). Die Höhe der Ausgleichszahlungen im Rastspitzenmodell richte sich nach Ertragserhebungen der Landwirtschaftskammer auf Vergleichsflächen, die nicht durch Gänse beeinträchtigt wurden. Mit diesen Ausgleichszahlungen kommen die betroffenen Landwirte nach ihrer Aussage „so einigermaßen zurecht“.
Vor diesem Hintergrund können die Landwirte nicht verstehen, dass sie jetzt durch die neue Landesregierung offenbar bei der Ausgestaltung der neuen Vertragsnaturschutzverträge für Nordische Gastvögel als Gesprächspartner nicht ernst genug genommen werden und über das Internet erfahren hätten, was das Ministerium plant, obwohl sie über den Landwirtschaftlichen Hauptverein für Ostfriesland (LHV) bereits mit dem MU wegen der Ausgestaltung der Maßnahmen erste Gespräche geführt hatten.

Positionspapier
Karl Hedden, Geschäftsführer des LHV, stellt deshalb beim Pressetermin das Positionspapier des Vereins Gänsemarsch vor, welches nach Hannover ging und welches die betroffenen Landwirte so schnell wie möglich vor Ort mit Minister Stefan Wenzel diskutieren wollen. Die Landwirte fordern darin: regelmäßige Überprüfung der Gänseschäden mit Anpassung der Vergütungen, keine Kopplung des Vertragsnaturschutzes Nordische Gastvögel mit dem Wiesenbrüterschutz, Abschaffung der für die Vergütungshöhe vorgesehenen Zonierung in den Gänserastgebieten, Laufzeit des Rastspitzenmodells auf Ackerland (geplant zwei Jahre) an die fünfjährige Laufzeit der Vertragsnaturschutzverträge anpassen sowie eine Ausweitung der „Gänseförderkulisse“ auf die ausgewiesene Vogelschutzgebietsfläche.
Edith Kahnt-Ralle